Ready. MINDset. Go. 04/26
Entspannung und Biofeedback – Die mentale Regeneration als Schlüssel zur Höchstleistung und als Fundament von Leistung
Im Leistungssport richtet sich der Blick oft auf das Sichtbare: Intensität, Trainingsumfang, Technik, Wettkampfhärte etc. Doch ein wesentlicher Teil von Leistungsfähigkeit bleibt im Hintergrund – die Fähigkeit zur gezielten Entspannung.
Denn der menschliche Organismus ist kein System, das ausschließlich durch „mehr Einsatz“ besser funktioniert. Vielmehr entsteht nachhaltige Leistung aus einem fein abgestimmten Wechselspiel zwischen Aktivierung und Regeneration – körperlich und mental. Wer dauerhaft unter Spannung steht, verliert früher oder später an Präzision, Bewegungsqualität und mentaler Klarheit. Umgekehrt bedeutet Entspannung nicht, Leistung zu reduzieren, sondern die Voraussetzungen dafür zu schaffen, sie überhaupt stabil abrufen zu können.
Im Spitzensport – etwa bei Olympischen Spielen – zeigt sich dieser Zusammenhang besonders deutlich. Hier entscheiden oft minimale Unterschiede. Athletinnen und Athleten, die in der Lage sind, ihren Aktivierungszustand bewusst zu regulieren, verschaffen sich einen entscheidenden Vorteil: Sie bleiben handlungsfähig, wenn der Druck steigt.
Regulation statt Daueranspannung
Hinter diesem Prinzip steht die Funktionsweise unseres Nervensystems. Vereinfacht gesagt wirken zwei Systeme zusammen: eines, das für Aktivierung und Leistungs-bereitschaft zuständig ist, und eines, das für Erholung, Stabilisierung und Regeneration sorgt. Spitzenleistung entsteht nicht durch einseitige Aktivierung, sondern durch die Fähigkeit, flexibel zwischen diesen Zuständen zu wechseln und dadurch eine Balance herzustellen.
In der Praxis zeigt sich jedoch häufig ein anderes Bild. Viele Athletinnen und Athleten bewegen sich über längere Zeit in einem erhöhten Spannungsniveau. Die Atmung wird flacher, die Muskulatur bleibt unter der Grundspannung, Gedanken kreisen schneller. Subjektiv wird dieser Zustand nicht immer als negativ erlebt – im Gegenteil, er wird oft mit „Bereitschaft“ oder „Fokus“ verwechselt.
Langfristig kann genau diese dauerhafte Aktivierung jedoch dazu führen, dass Bewegungen weniger flüssig werden, Entscheidungen langsamer getroffen werden oder die Regeneration nicht mehr optimal funktioniert. Entspannungstraining setzt genau hier an: Es schafft die Grundlage, um den eigenen Zustand bewusster wahrzunehmen und gezielt zu beeinflussen.
Entspannung als trainierbare Fähigkeit
Entspannung im sportpsychologischen Kontext bedeutet nicht Abschalten im klassischen Sinn, sondern eine aktive Form der Selbstregulation. Athletinnen und Athleten lernen, Unterschiede wahrzunehmen:
- Wann ist Spannung hilfreich?
- Wann beginnt sie zu stören?
- Wie kann ich sie gezielt verändern?
Dieser Prozess entwickelt sich meist in drei Schritten. Zunächst geht es darum, körperliche Signale überhaupt bewusst wahrzunehmen – etwa feine Unterschiede in Muskelspannung oder Atmung. Darauf aufbauend entsteht ein Verständnis dafür, wie diese Zustände mit Leistung zusammenhängen. Erst im dritten Schritt wird Regulation möglich: also die Fähigkeit, den eigenen Zustand aktiv in eine gewünschte Richtung zu verändern.
Wege in die Entspannung
Um diese Regulationsfähigkeit zu entwickeln, haben sich im Spitzensport einige Methoden besonders bewährt. Die Atmung spielt dabei eine zentrale Rolle, weil sie direkt mit dem Nervensystem verbunden ist und bewusst beeinflusst werden kann. Schon wenige Minuten mit einem ruhigen, leicht verlängerten Ausatemrhythmus können spürbar zu einer Beruhigung führen.
Es gibt unterschiedlichste Methoden Entspannung zu trainieren. Die Basis sind einfache Atemübungen, geführte Mediationen, wie zum Beispiel eine Fantasiereise, Progressive Muskelregeneration oder auch Autogenes Training. Bewegte Entspannungsmethoden wie Qigong und Yoga sind auch sehr hilfreich. Wichtig ist, für sich eine Methode zu finden, die passend ist und diese dann auch regelmäßig zu trainieren.
Regelmäßige, kurze Einheiten sind wirkungsvoller als seltene lange. Schon wenige Minuten bewusste Atmung oder kurze Entspannungssequenzen können einen spürbaren Unterschied machen – insbesondere, wenn sie gezielt in Trainings- oder Wettkampfroutinen integriert werden.
Biofeedback – wenn Entspannung sichtbar wird
Biofeedback knüpft direkt an das klassische Entspannungstraining an und erweitert es um eine objektive Ebene. Körperliche Prozesse wie Herzfrequenz, Atmung oder Muskelspannung werden in Echtzeit sichtbar gemacht. Was zuvor nur gespürt wurde, kann nun beobachtet werden.
Für Athletinnen und Athleten entsteht dadurch ein entscheidender Mehrwert. Sie erkennen unmittelbar, ob eine Technik tatsächlich wirkt. Eine Atemübung führt nicht nur subjektiv zu mehr Ruhe – sie zeigt sich auch in einer veränderten Kurve oder einem sinkenden Puls am Bildschirm. Dieser direkte Zusammenhang beschleunigt den Lernprozess erheblich und stärkt gleichzeitig das Vertrauen in die eigene Steuerungsfähigkeit.
Selbstreflexionsfragen
Zur Vertiefung des Themas – sowohl im Eigenprozess als auch im sportpsychologischen Beratungssetting – können folgende Fragen hilfreich sein:
- Welche Entspannungsmethoden kenne ich bereits?
- Welche Methoden nutze ich regelmäßig?
- Warum habe ich (noch) keine Effekte vom meinem Entspannungstraining?
- Habe ich bereits Erfahrung mit Biofeedback?
- Welchen Nutzen könnte Entspannungstraining für mich bringen?
- In welchen Situationen könnte ich Entspannung gezielt einsetze
Transfer in den Wettkampf
Die eigentliche Stärke von Entspannung und Biofeedback zeigt sich im Transfer. Im Training lassen sich diese Fähigkeiten relativ leicht entwickeln – entscheidend ist jedoch, ob sie auch unter Wettkampfbedingungen abrufbar sind.
Vor dem Wettkampf helfen sie dabei, Nervosität zu regulieren und einen stabilen Fokus aufzubauen. Währenddessen ermöglichen sie es, zwischen einzelnen Aktionen schnell wieder in den optimalen Zustand zurückzufinden. Und nach dem Wettkampf unterstützen sie eine aktive Regeneration sowie die mentale Verarbeitung.
Ziel ist dabei nicht, einen dauerhaft „ruhigen“ Zustand zu erreichen. Vielmehr geht es um Flexibilität und Balance – also die Fähigkeit, je nach Situation den passenden Aktivierungsgrad herzustellen.
Mentale Stärke zeigt sich nicht nur darin, sich maximal zu aktivieren, sondern auch darin, gezielt loslassen zu können.
Leistung am Punkt – Wie geht’s weiter?
Im folgenden Newsletter widmen wir uns einem weiteren zentralen Thema der Mental Performance: Gedanken und Selbstgespräche
Welche Gedanken begleiten mich im Sportalltag – beim Training, vor und während der Wettkämpfe? Welche Gedanken sind förderlich und hinderlich für meine Erfolge? Bin ich mir bewusst, dass ich meine Gedanken und Selbstgespräche steuern kann? Kenne ich meine Selbstgespräche und wie wirken sich diese auf meine Performance aus?
Bleib dran – denn mentale Stärke entscheidet oft genau dann, wenn es darauf ankommt!
Ansprechpartner im Olympiazentrum Niederösterreich
Georg Hafner, MA
Gesundheits- & Sportpsychologe
Tel: +43 699 17279312
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