Ready. MINDset. Go. 06/26
Die Kraft der Emotionen im Spitzensport
Emotionen als Leistungsfaktor – Gefühle verstehen und gezielt nutzen
Jede Athletin und jeder Athlet kennt sie: Freude nach einem Erfolg, Nervosität vor einem Wettkampf, Enttäuschung nach einer Niederlage oder Ärger über die eigene Leistung. Emotionen begleiten uns täglich – im Training, im Wettkampf und auch außerhalb des Sports.
Dennoch versuchen viele Menschen, unangenehme Gefühle möglichst schnell loszuwerden. Angst soll nicht da sein. Ärger wird unterdrückt. Doch genau darin liegt oft ein Missverständnis. Emotionen sind keine Fehler unseres Systems. Sie sind wichtige Informationen unseres Körpers und unserer Psyche.
Die moderne Sportpsychologie betrachtet Emotionen nicht als Hindernis, sondern als wertvolle Ressourcen. Entscheidend ist nicht, ob Emotionen auftreten, sondern wie Athletinnen und Athleten mit ihnen umgehen.
Warum haben wir Emotionen?
Emotionen erfüllen wichtige Funktionen. Sie helfen uns, Situationen schnell einzuschätzen und angemessen zu reagieren.
Einige Beispiele:
- Angst macht uns aufmerksam und wachsam.
- Ärger mobilisiert Energie und Durchsetzungsfähigkeit.
- Freude fördert Motivation und Kreativität.
- Stolz stärkt das Selbstvertrauen.
- Enttäuschung zeigt uns, dass uns etwas wichtig ist.
- Unsicherheit kann dazu führen, dass wir uns besser vorbereiten.
Emotionen sind daher weder gut noch schlecht. Sie sind zunächst einmal Signale.
Folgendes Szenario kurz vor einem wichtigen Wettkampf:
Das Herz schlägt schneller, die Hände werden vielleicht etwas feucht und man spürt Anspannung. Viele Athletinnen und Athleten interpretieren diese Reaktionen sofort negativ: „Ich bin zu ängstlich.“
Tatsächlich könnte dieselbe körperliche Reaktion aber auch bedeuten: „Mein Körper bereitet sich gerade auf eine wichtige Leistung vor.“
Die Bewertung einer Emotion beeinflusst oft stärker die Leistung als die Emotion selbst.
Gefühle im Spitzensport
Im Spitzensport treffen hohe Erwartungen, intensive Belastungen und große Ziele aufeinander. Dadurch entstehen regelmäßig starke Emotionen.
Vor dem Wettkampf: Nervosität. Anspannung. Vorfreude. Unsicherheit
Während des Wettkampfs: Ärger nach Fehlern. Frustration. Kampfgeist. Euphorie
Nach dem Wettkampf: Stolz. Erleichterung. Enttäuschung. Dankbarkeit
Alle diese Gefühle sind normale Bestandteile sportlicher Entwicklung.
Oft glauben Athletinnen und Athleten, Spitzenleistungen seien nur möglich, wenn sie vollkommen ruhig und gelassen sind. Die Praxis zeigt jedoch etwas anderes. Viele erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler berichten von deutlicher Nervosität vor wichtigen Wettkämpfen.
Der Unterschied liegt nicht darin, dass sie keine Emotionen erleben. Der Unterschied liegt darin, dass sie gelernt haben, mit diesen Emotionen umzugehen.
Emotionale Flexibilität statt Emotionskontrolle
Früher wurde häufig von „Emotionskontrolle“ gesprochen. Heute gewinnt ein anderer Ansatz zunehmend an Bedeutung: emotionale Flexibilität.
Emotionale Flexibilität bedeutet:
- Gefühle wahrnehmen, akzeptieren und verstehen
- trotz Emotionen handlungsfähig bleiben
Emotionen als Informationsquelle nutzen
Emotionen können wertvolle Hinweise geben.
Wenn Ärger immer wieder nach bestimmten Situationen auftritt, lohnt sich die Frage:
- Was genau löst diesen Ärger aus?
- Welche Bedürfnisse oder Erwartungen stecken dahinter?
Wer Emotionen neugierig betrachtet, erhält häufig wichtige Informationen über sich selbst.
Emotions-Übung
Wenn eine starke Emotion auftritt, versuche nicht sofort zu reagieren.
Atme ruhig weiter und beobachten diese für etwa 90 Sekunden:
- Was spüre ich körperlich?
- Wo nehme ich die Emotion wahr?
Oft verändert sich die Intensität bereits deutlich, wenn wir die Emotion wahrnehmen, statt gegen sie anzukämpfen.
Fazit
Emotionen gehören untrennbar zum Spitzensport. Sie sind keine Schwäche und kein Zeichen mangelnder mentaler Stärke. Vielmehr liefern sie wichtige Informationen über Bedürfnisse, Ziele und Bewertungen.
Athletinnen und Athleten, die lernen, ihre Emotionen wahrzunehmen, zu akzeptieren und konstruktiv zu nutzen, entwickeln häufig mehr Gelassenheit, mehr Selbstvertrauen und langfristig auch mehr Leistungsstabilität.
Das Ziel besteht daher nicht darin, keine Emotionen zu haben. Das Ziel besteht darin, mit ihnen umgehen zu können.
Mentale Stärke bedeutet nicht, nichts zu fühlen.
Mentale Stärke bedeutet, trotz starker Gefühle handlungsfähig zu bleiben.
Selbstreflexionsfragen
Diese Fragen können alleine für sich bearbeitet oder gemeinsam mit mir als Sportpsychologen vertieft werden:
- Welche Emotion begleitet mich aktuell am häufigsten im Sport?
- Welche Gefühle fördern meine Leistung besonders?
- Welche Emotionen versuche ich häufig zu unterdrücken?
- Wie reagiere ich nach Fehlern oder Rückschlägen?
- Welche Gedanken verstärken unangenehme Emotionen?
- Wie erkenne ich Nervosität bei mir körperlich?
- Welche Strategien helfen mir bereits heute im Umgang mit Emotionen?
- Welche Emotion möchte ich künftig bewusster wahrnehmen?
- Wie spreche ich mit mir selbst, wenn ich emotional unter Druck stehe?
- Woran würde ich erkennen, dass ich emotional flexibler geworden bin?
Leistung am Punkt – Wie geht’s weiter?
Im folgenden Newsletter widmen wir uns einem weiteren zentralen Thema der Mental Performance: Druck und Nervosität
Die entscheidenden Momente im Sport sind oft jene, in denen der Druck am größten ist. Wenn Erwartungen steigen, Zweifel auftauchen und der Wettkampf näher rückt, wird Nervosität für viele Athletinnen und Athleten spürbar.
Doch was wäre, wenn Nervosität nicht der Gegner, sondern ein wichtiger Leistungsbegleiter wäre? Und warum können manche Athletinnen und Athleten unter Druck über sich hinauswachsen, während andere ihr Potenzial nicht abrufen können?
Im nächsten Newsletter wird beschrieben, wie Druck entsteht, welche Funktion Nervosität erfüllt und wie man beides gezielt für sich nutzen kann.
Bleib dran – denn mentale Stärke entscheidet oft genau dann, wenn es darauf ankommt!
Ansprechpartner im Olympiazentrum Niederösterreich
Georg Hafner, MA
Gesundheits- & Sportpsychologe
Tel: +43 699 17279312
Email: office@georghafner.at
